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Lesezirkel II 2020: Aufbrechen oder Ankommen? Reiseliteratur als Spiegel der Zeit

Seit ihren Ursprüngen ist die erzählende Literatur (auch) eine Kunst des Unterwegsseins. In der Moderne mag ihr das Aufbrechen fast geläufiger geworden sein als das Ankommen. Wohin wir reisen, wie wir reisen, was wir auf Reisen sehen und was unserem Blick verborgen bleibt, sagt ebenso viel aus über uns wie über die aufgesuchten Kulturen und Länder. Welche Fragen das Reisen uns stellt, auf welche Umwege und an welche Orte es uns führt, ist ein Spiegel auch von Zeitgeist und Mentalität. In den ausgewählten Büchern wird aus unter­schiedlichen Motiven und in verschiedenen Epochen gereist. Immer aber heisst on the road auch, auf sich und das zurückgeworfen sein, was man mit sich nimmt: Identitäten, Gewohnheiten, Sichtweisen stossen auf das Vorgefundene. Seit der Odyssee wissen wir: Reisen, das ist so sehr eine Bewegung über die Erdkugel wie durch die Landschaften der Psyche.

 

Die fünf Gesprächsabende gehen von den Leseerlebnissen der Kursbesucherinnen und 

-besucher aus. Die gemeinsame Diskussion will die individuelle Lektüre vertiefen, auftauchende Fragen klären und verschiedene Lesarten miteinander vergleichen. Die Aufmerksamkeit gilt neben dem Inhalt auch der literarischen Form und der sprachlichen Gestalt der Werke. Die Bücher sollten von den Teilnehmenden auf das jeweilige Datum hin gelesen sein.

 

Daten und Werke:

1. September 2020                 

Peter Handke: Noch einmal für Tukydides

29. September 2020               

Ida Pfeiffer: Verschwörung im Regenwald. Die Reise nach Madagaskar

3. November 2020                  

Lorenz Langenegger: Jahr ohne Winter

1. Dezember 2020                  

David Foster Wallace: Schrecklich amüsant, aber in Zukunft ohne mich

12. Januar 2021                     

Annemarie Schwarzenbach: Alle Wege sind offen

Ort und Zeit: ODEON BRUGG  FORUM ODEON  Bahnhofplatz 11  5200 Brugg 
von 19:30 bis ca. 21 Uhr

Preis: 120 Franken für fünf Abende. Die Teilnehmenden profitieren bei klassischen Autoren­lesungen im ODEON BRUGG vom reduzierten Eintrittspreis.

Auskunft: erteilt gerne Traudi Reimann unter lesezirkel@odeon-brugg.ch oder telefonisch unter 078 914 51 60 

Die Anmeldung über untenstehendes Formular ist verbindlich, der Einzahlungsschein wird in der Folge zugestellt. Die Platzzahl ist beschränkt. Es empfiehlt sich eine frühzeitige Anmeldung.
 

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Telefonnummer *

Peter Handke: Noch einmal für Tukydides (1990)

In diesem schmalen Band reiht der nachmalige Literaturnobelpreisträger Betrachtungen und kurze Meditationen auf eine Perlenschnur. Entstanden sind sie in den 1980er Jahren in einer Zeit des Unterwegsseins, an Orten Europas, die von der Geschichtsschreibung kaum beachtet wurden. Dort hält der Reisende inne über scheinbar flüchtigen Szenen und verfällt in den Modus der teilnehmenden Betrachtung. Er lässt sich vom Gesehenen inspirieren und forttragen. Dabei entsteht ein Buch der gesteigerten Gegenwart, befördert von der Gabe dieses Autors, die kleinen Dramen zu erkennen, die anderen entgehen. Was auf diese Weise zum Vorschein kommt, schreibt eine andere Geschichte, eine Geschichte der Nuancen und der Empfindlichkeit, und auch eine Geschichte der unbeobachteten Winkel dieser Welt.

 

 

Ida Pfeiffer: Verschwörung im Regenwald. Die Reise nach Madagaskar (1861)

Im Mai 1856 bricht Ida Pfeiffer, eine bekannte Reiseschriftstellerin ihrer Zeit, in Richtung Madagaskar auf. Dieser «Diamant in der Inselkette um Afrika» gilt als eine der schönsten Gegenden der Welt. Nur wenige Europäer sind bisher in das Innere des umkämpften Königreichs gelangt. Ida Pfeiffer lässt sich von den prekären Verhältnissen auf der Insel nicht abschrecken und wird über Nacht in einen missglückten Staatsstreich verwickelt. Die Wiener Autorin schreibt anschaulich, packend und unverblümt. Ihre Sicht auf die «Wilden» entspricht nicht der unserigen – umso faszinierender ist es, ihrem wachen Blick auf das Fremde zu folgen. Nach Reisen in die Türkei und in den Nahen Osten ist dies die letzte Reise einer mutigen Frau, die erlebte, was heute nicht mehr zu erleben ist: das ganz andere.

 

 

Lorenz Langenegger: Jahr ohne Winter (2019)

Jakob lebt ein unspektakuläres Leben ohne Heldenmut, bis ein Anruf ihn aus seinem Trott reisst: Ursula braucht eine Stammzellenspende, und er soll ihre Tochter finden, seine Exfrau, zu der er lange keinen Kontakt mehr hatte. Dass sie irgendwo im australischen Outback eine Schweigemeditation absolviert, macht diesen Auftrag zur Zumutung: Das Outback ist gross und weit weg, und Jakob hat wenig Lust aufs Reisen. Trotzdem bricht er Hals über Kopf auf, mit im Gepäck auch der leise Wunsch, ein Abenteurer zu sein und Ursulas Leben zu retten. Dass dieser Trip mehr ein Stolpern von Ort zu Ort ist als eine Entdeckungsreise, und dass Jakob, der liebenswürdige Taugenichts, am andern Ende der Welt weder das Glück noch das Unglück findet, macht die zarte Balance dieses Romans aus. 

 

Der Autor liest am 4. November 2020 um 19.15 Uhr im ODEON BRUGG aus Jahr ohne Winter. Michel Mettler führt das Gespräch.

 

 

David Foster Wallace: Schrecklich amüsant, aber in Zukunft ohne mich (1997)

Die Umstände sind bekannt: 1996 lädt Harper’s Magazine den exzentrischen Romancier David Foster Wallace ein, eine Kreuzfahrt zu unternehmen und darüber zu berichten. Der so entstandene Aufsatz porträtiert Passagiere und Besatzung bei etwas, was Nichtamerikaner nur schwer nachvollziehen können, was aber zum amerikanischen Lifestyle gehört: der kol­lektiven Bespassung auf See. Kann man dies eine Reise nennen oder ist es ein Luxus-Tollhaus auf geweisselten Planken? Solchen Fragen geht der Autor nach. Nicht zu kurz kommt dabei die Beschreibung dessen, was auf einem Luxusliner geschieht, wenn dreitausend entspannungsbedürftige Seelen für acht Tage aufeinander losgelassen werden, um irgendwo in der Karibik in kurzer Zeit möglichst viel Spass zu haben.

 

 

 

Annemarie Schwarzenbach: Alle Wege sind offen (1939/40)

Der Titel dieses Buchs gibt ein treffendes Motto für diesen Lesezirkel wie für das turbulente Leben der Schweizer Reiseschriftstellerin. Im vorliegenden Buch erzählt sie von ihrer Reise nach Afghanistan in den Jahren 1939/40. Dies ist ein äusserliches ebenso wie ein innerliches Abenteuer. Gemeinsam mit ihrer Mitreisenden, der Journalistin und Autorin Ella Maillart, ist Annemarie Schwarzenbach mit einem Ford V8 auf dem Landweg unterwegs, durch Wüsten und über schlecht befestigte Strassen. Hellwach und leidenschaftlich registriert sie die politi­schen und gesellschaftlichen Verhältnisse, denen sie auf der Reise durch Italien, den Balkan, die Türkei und den Iran begegnet – im Spannungsfeld zwischen oft atemberaubender Fremde und den Schatten des in Europa ausbrechenden Zweiten Weltkriegs.

 

 

Unser Lesezirkel-Leiter:

 

Michel Mettler lebt als Autor und Herausgeber in Klingnau. Er war als Dramaturg und Initiant für das Theater tätig und als Musiker unterwegs, u. a. mit der Gruppe «Vier Maultrommeln», bis er 2006 seinen ersten Roman veröffentlichte, Die Spange. Dafür wurde er mit dem Preis der Schweizerischen Schillerstiftung ausgezeichnet. Er hat für Radio DRS 2 gearbeitet, er moderiert, schreibt kürzere Texte für Zeitungen und Zeitschriften und ist als Lektor tätig. Im akademischen Jahr 2010/2011 war er Gastprofessor am Collegium Helveticum der ETH Zürich. In diesem Frühjahr erschien der von ihm mitherausgegebene Sammelband Dunkelkammern im Suhrkamp Verlag.

Vergangene Lesezirkel

2020: Die Shortlist des Schweizer Buchpreises. Unter der Leitung der Germanistin Gabi Umbricht diskutierten die Teilnehmenden die fünf für den Schweizer Buchpreis nominierten Werke: Alain Claude Sulzer: Unhaltbare Zustände, Tabea Steiner: Balg, Simone Lappert: Der Sprung, Ivna Žic:  Die Nachkommende, Sibylle Berg:  GRM

2019: Die Shortlist des Schweizer Buchpreises. Unter der Leitung der Germanistin Gabi Umbricht diskutierten die Teilnehmenden die fünf für den Schweizer Buchpreis nominierten Werke: Peter Stamm: Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt, Gianna Molinari: Hier ist noch alles möglich, Vincenzo Todisco: Das Eidechsenkind, Julia von Lucadou: Die Hochhausspringerin und   Heinz Helle: Die Überwindung der Schwerkraft.

2017/18: Töchter und Söhne Unter der Leitung des Schriftsteller Rudolf Bussmann diskutierten die Teilnehmenden vier neu erschienene Bü­cher, die eine Familie von innen schildern, sei es in der Perspektive einer Tochter (Fatma Aydemir) oder zweier Söhne (Reinhard Kaiser-Mühlecker), sei es aus dem Blickwinkel der Eltern, die sich mit ihren Kindern auseinandersetzen, gleichzeitig aber auf der Suche nach ihren eigenen Erzeu­gern sind (Annette Mingels, Julia Wolf). 

2016/17: 24 Stunden – Das Tagebuch Unter der Leitung des Schriftstellers Michel Mettler diskutierten die Teilnehmenden die Tagebuch aus dem London des 17. Jahrhunderts (Samuel Pepys),  Depeschen nach Mailland  (Jürg Laederach), Alles schmeckt nach Abschied  (Brigitte Reimann), Aus dem Berliner Journal  (Max Frisch) und Schreiben für die eigenen Augen  (Virginia Woolf). 

2015/16: Leiden und Leidenschaft. Unter der Leitung des Schriftstellers Rudolf Bussmann diskutierten die Teilnehmenden die Werke Malina (Ingeborg Bachmann), Bilder deiner grossen Liebe (Wolfgang Herrndorf), Aller Liebe Anfang (Judith Hermann), Wie wir älter werden (Ruth Schweikert) und Kastelau (Charles Lewinsky). 

2014/15: Patientinnen, Patienten. Unter der Leitung des Autoren Michel Mettler diskutierten die Teilnehmenden die Werke Wittgensteins Neffe (Thomas Bernhard), Die gelbe Tapete (Charlotte Perkins Gilman), Der Weg allen Fleisches (Hermann Kinder), Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus (Christine Lavant) und Retter der Welt (John Wray).

2013/14: Welch Zufall! Unter der Leitung des Schriftstellers Rudolf Bussmann diskutierten die Teilnehmenden die Werke Das Leuchten in der Ferne (Linus Reichlin), Gesellschaft mit beschränkter Haftung (Nora Bossong), Die Erdfresserin (Julya Rabinowich), Das war ich nicht (Kristof Magnusson) und Aller Tage Abend (Jenny Erpenbeck).

2012/13: Der wilde Osten. Unter der Leitung des Autoren Michel Mettler diskutierten die Teilnehmenden die Werke Niederungen (Herta Müller), Die verschluckte Musik (Christian Haller), Warum das Kind in der Polenta kocht (Aglaja Veteranyi), Apostoloff (Sibylle Lewitscharoff) und Tauben fliegen auf (Melinda Nadj Abonji).

2011/12: Max Frisch: Die Frage nach der Identität. Unter der Leitung des Autoren Christoph Bopp diskutierten die Teilnehmenden die Werke Stiller, Biografie. Ein Spiel, Mein Name sei Gantenbein, Montauk und Der Mensch erscheint im Holozän. Zusätzlich Malina von Ingeborg Bachmann.

2010/11: Das Exakte und das Andeutende. Unter der Leitung des Autoren Christoph Bopp diskutierten die Teilnehmenden die Werke Die Vermessung der Welt (Daniel Kehlmann),Die Frau, für die ich den Computer erfand (Friedrich Ch. Delius), Doktor Faustus (Thomas Mann), Der Mann ohne Licht (Martin R. Dean) und Dirac (Dietmar Dath).

2009/10: Der andere Blick: Unter der Leitung von Markus Bundi diskutierten die Teilnehmenden die Werke Still Leben (Jan Peter Bremer), Irrgast (Mireille Zindel), Jahrhundertschnee (Ernst Halter), Zwischen den Fronten (Evelio Rosero) und Oh, Roman (Zsuzsanna Gahse).

2008/09: Generationen. Unter der Leitung von Markus Bundi diskutierten die Teilnehmenden die Werke Ben Kader (Daniel Goetsch), Der Steingänger (Davide Long), Das Haus der Ruhe (Eleonore Frey), Hausaufgaben (Jakob Arjouni) und Solo für eine Kellnerin (Jürg Beeler).