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Lesezirkel 2017/18: Töchter und Söhne

In jüngster Zeit sind auffallend viele Romane erschienen, welche die Beziehung zwischen den Generationen ins Zentrum stellen. Das mag damit zusammenhängen, dass die Familie zum Ort

geworden ist, an dem die Probleme der Gesellschaft besonders manifest werden: Migration und Krieg setzen ihr nicht weniger zu als berufliche Karrieren und das individuelle Bedürfnis nach Unabhängig­keit. Kann sie ihrem Ruf, Keimzelle des Zusammenlebens zu sein, noch immer gerecht werden? Vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen, die auf alte Verhaltensmuster und genuin menschliche Gefühle treffen, erfährt das Prinzip Familie in den Büchern, die sich mit ihr beschäftigen, eine neue Beurteilung.

Der Lesezirkel unter der Leitung des Schriftstellers Rudolf Bussmann greift vier neu erschienene Bü­cher heraus, die eine Familie von innen schildern, sei es in der Perspektive einer Tochter (Fatma Aydemir) oder zweier Söhne (Reinhard Kaiser-Mühlecker), sei es aus dem Blickwinkel der Eltern, die sich mit ihren Kindern auseinandersetzen, gleichzeitig aber auf der Suche nach ihren eigenen Erzeu­gern sind (Annette Mingels, Julia Wolf).

Als Einstieg dient Joseph Roths Roman Hiob, erschienen 1930, der die beiden Kräfte, denen die Fa­milie seit je ausgesetzt ist, beispielhaft vor Augen führt: den Willen zur solidarischen Gemeinschaft einerseits und die gesellschaftlichen Zwänge andererseits, die zur Zerreissprobe der familiären Bande werden.

Ausgangspunkt der fünf Gesprächsabende bilden die individuellen Leseerlebnisse der Kursbesuche­rinnen und -besucher. Die Diskussion bezieht neben dem Inhalt auch die literarische Form und die sprachliche Gestalt mit ein. Sie will die Lektüre vertiefen, auftauchende Fragen klären und Auskünfte über die Autoren geben.

Daten und Werke:

24. Oktober 2017:     Joseph Roth: Hiob (1930)

5. Dezember 2017:   Reinhard Kaiser-Mühlecker: Fremde Seele, dunkler Wald (2016)

30. Januar 2018:      Fatma Aydemir: Ellbogen (2017)

27. Februar 2018:     Julia Wolf: Walter Nowak bleibt liegen (2017)

27. März 2018:         Annette Mingels: Was alles war (2017)

Die Werke sollten von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern auf das jeweilige Datum hin gelesen sein.

Der Lesezirkel beginnt jeweils um 20 Uhr und dauert ca. 90 Minuten. Preis: 110 Franken für fünf Abende. Die Teilnehmenden profitieren bei klassischen Autorenlesungen im ODEON BRUGG vom reduzierten Eintrittspreis. Auskunft erteilt gerne Gabi Umbricht, gabi.umbricht@bluewin.ch oder 056 442 29 35.

Die Anmeldung über untenstehendes Formular ist verbindlich, der Einzahlungsschein wird in der Folge zugestellt. Mit Ihrer Einzahlung bis spätestens 30. September 2017 wird die Anmeldung definitiv. Die Platzzahl ist beschränkt. Es empfiehlt sich eine frühzeitige Anmeldung.

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Joseph Roth: Hiob. Roman eines einfachen Mannes

Wie der Titel andeutet, liegt dem Roman die biblische Geschichte des gottesfürchtigen Hiob zugrunde, den Gott auf die Probe stellt. In Roths Geschichte ist es Mendel Singer, ein jüdischer Thoralehrer in einem kleinen russischen Schtetl, der seine Familie nach und nach zerfallen sieht und nach New York auswandert. Dort wird er von weiteren Schicksalsschlägen eingeholt, er verliert seine Söhne und seine Frau, während die Tochter im Wahnsinn endet. Er fällt von Gott ab. Der Roman endet mit einer glück­lichen Volte, die einen Teil des Familienglücks wiederherstellt und Mendel zum Glauben zurückführt.

(1930, dtv, 190 Seiten)

 

Reinhard Kaiser-Mühlecker: Fremde Seele, dunkler Wald

Der Titel des Buches, ein Zitat von Iwan Turgenjew, lässt eine Geschichte erwarten, die im 19. Jahr­hundert spielt. In Wahrheit treffen in ihr ein traditionelles, verbocktes Bauerntum in der österreichi­schen Provinz und das Zeitalter der Autobahnen, des Internets und der Perspektivenlosigkeit hart aufeinander. Kaiser-Mühlecker deckt die Abgründe, die sich im ländlichen Alltag auftun und auch die Familie nicht verschonen, mehr und mehr auf, ohne die leis-verhaltene, streng sachliche Sprache seiner Erzählung je zu verlassen.

(S. Fischer 2016, 300 Seiten)

 

Fatma Aydemir: Ellbogen

Die siebzehnjährige Hazal ist hin- und hergerissen zwischen ihren türkischen Eltern, die in Deutsch­land nie richtig angekommen sind, und der westlichen Welt, deren Verführungen sie nicht widerstehen kann. Sie rutscht in ein Verbrechen hinein und flieht in die Türkei. Dort holen sie die Widersprüche ihres Lebens erst recht ein. Sie schildert ihr Schicksal und das der andern in einer schnoddrigen Ju­gendsprache, in der die Widerstandskraft und der Überlebenswille der jungen Frau ihren trotzigen Ausdruck finden.

(Hanser 2017, 270 Seiten)

 

Julia Wolf: Walter Nowak bleibt liegen

Nach einem Unfall beim täglichen Schwimmen erwacht der Protagonist auf dem Boden seines Bade­zimmers und muss die Einzelheiten dessen, was sich ereignet hat, aus seinem Gedächtnis zusam­menkratzen. Ungerufen mischen sich die Puzzleteile seines ganzen Lebens darunter: das schwierige Verhältnis zu seinem Sohn Felix und dessen Mutter, dasjenige zu seiner jetzigen Frau, und ausser­dem das Puzzle, das fehlt: sein unbekannter Vater. Der ehemalige Unternehmer Walter Nowak scheint ausgezählt, doch sein sprunghaft-vitaler Gedankenfluss wehrt sich mit aller Kraft gegen das Aufgeben.

(Frankfurter Verlagsanstalt 2017, 160 Seiten)

 

Annette Mingels: Was alles war

Die Meeresbiologin Susa lebte bis anhin glücklich mit ihren Adoptiveltern und empfindet es eher als Störung, als ihre leibliche Mutter sie eines Tages besucht. Ohne dass die Begegnung ihr Leben ver­ändert, stellt sie die Beziehung zu den Adoptiveltern doch in ein neues Licht. Was sind Eltern? Was ist eine Familie? Was ist Liebe? Das Thema setzt sich fort, als Susa wenig später einen Mann kennen lernt, der zwei Mädchen mit in die Ehe bringt. Sie springt in die Lücke, die eine Verstorbene hinterlas­sen hat. Kann sie zu einer wirklichen Mutter werden?

(Knaus 2017, 290 Seiten)

 

Unser Lesezirkel-Leiter:

Rudolf Bussmann, 1947 in Olten geboren, studierte in Basel und Paris und war nach seiner Promotion als Lehrer tätig. Er lebt als Schriftsteller und Herausgeber in Basel, gibt Schreibkurse, macht Schreib­begleitungen, führt Lesezirkel. Zuletzt erschienen: Eine Brücke für das Gedicht. 75 zeitgenössische Gedichte befragt von Rudolf Bussmann, Offizin Verlag 2014. Das andere Du. Roman, edition bücher­lese 2016

www.rudolfbussmann.ch

Vergangene Lesezirkel

2016/17: 24 Stunden – Das Tagebuch Unter der Leitung des Schriftstellers Michel Mettler diskutierten die Teilnehmenden die Tagebuch aus dem London des 17. Jahrhunderts (Samuel Pepys),  Depeschen nach Mailland  (Jürg Laederach), Alles schmeckt nach Abschied  (Brigitte Reimann), Aus dem Berliner Journal  (Max Frisch) und Schreiben für die eigenen Augen  (Virginia Woolf). 

2015/16: Leiden und Leidenschaft. Unter der Leitung des Schriftstellers Rudolf Bussmann diskutierten die Teilnehmenden die Werke Malina (Ingeborg Bachmann), Bilder deiner grossen Liebe (Wolfgang Herrndorf), Aller Liebe Anfang (Judith Hermann), Wie wir älter werden (Ruth Schweikert) und Kastelau (Charles Lewinsky). 

2014/15: Patientinnen, Patienten. Unter der Leitung des Autoren Michel Mettler diskutierten die Teilnehmenden die Werke Wittgensteins Neffe (Thomas Bernhard), Die gelbe Tapete (Charlotte Perkins Gilman), Der Weg allen Fleisches (Hermann Kinder), Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus (Christine Lavant) und Retter der Welt (John Wray).

2013/14: Welch Zufall! Unter der Leitung des Schriftstellers Rudolf Bussmann diskutierten die Teilnehmenden die Werke Das Leuchten in der Ferne (Linus Reichlin), Gesellschaft mit beschränkter Haftung (Nora Bossong), Die Erdfresserin (Julya Rabinowich), Das war ich nicht (Kristof Magnusson) und Aller Tage Abend (Jenny Erpenbeck).

2012/13: Der wilde Osten. Unter der Leitung des Autoren Michel Mettler diskutierten die Teilnehmenden die Werke Niederungen (Herta Müller), Die verschluckte Musik (Christian Haller), Warum das Kind in der Polenta kocht (Aglaja Veteranyi), Apostoloff (Sibylle Lewitscharoff) und Tauben fliegen auf (Melinda Nadj Abonji).

2011/12: Max Frisch: Die Frage nach der Identität. Unter der Leitung des Autoren Christoph Bopp diskutierten die Teilnehmenden die Werke Stiller, Biografie. Ein Spiel, Mein Name sei Gantenbein, Montauk und Der Mensch erscheint im Holozän. Zusätzlich Malina von Ingeborg Bachmann.

2010/11: Das Exakte und das Andeutende. Unter der Leitung des Autoren Christoph Bopp diskutierten die Teilnehmenden die Werke Die Vermessung der Welt (Daniel Kehlmann),Die Frau, für die ich den Computer erfand (Friedrich Ch. Delius), Doktor Faustus (Thomas Mann), Der Mann ohne Licht (Martin R. Dean) und Dirac (Dietmar Dath).