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Lesezirkel 2018/19: Spurensuche

Auf Spurensuche gehen – in Familiengeschichten, in der Geschichte, in den Wüsten der ausgelöschten Erinnerung oder in der eigenen Biografie: Die Bücher des diesjährigen Lesezirkels beschreiben Tauch- und Entdeckungsfahrten, die gleichermassen durch reale Landschaften wie durch Gefilde der Vorstellung führen. Und sie zeigen eines deutlich: Reisen nach innen oder aussen sind nicht so leicht zu unterscheiden, wenn das Erzählen den Weg bestimmt. «Karte und Gebiet», zwei scheinbar unvereinbare Ebenen, überlagern sich in der Literatur. Denn nur die Fantasie kann aus Gesehenem Erlebtes machen, erst das Erzählen lässt aus Begebenheiten Geschichte entstehen, aus Erinnerungen Identität, aus Porträts handelnde Figuren und aus einzelnen Bildern Leben. Diesem gelebten Leben sind die vorgestellten Bücher auf ihre je eigene Weise auf der Spur.

 

Daten und Werke:

 

16. Oktober 2018          Jenny Erpenbeck: Heimsuchung(2008)

20. November 2018      Eleonore Frey: Unterwegs nach Ochotsk(2014)

29. Januar 2019            Isabella Huser: Das Benefizium des Ettore Camelli(2008)

26. Februar 2019          Felicitas Hoppe: Hoppe(2012)

2. April 2019                 Tom McCarthy: Achteinhalb Millionen(2006)

 

Die Werke sollten von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern auf das jeweilige Datum hin gelesen sein.

Der Lesezirkel beginnt jeweils um 20 Uhr und dauert ca. 90 Minuten. Preis: 110 Franken für fünf Abende. Die Teilnehmenden profitieren bei klassischen Autorenlesungen im ODEON BRUGG vom reduzierten Eintrittspreis. Auskunft erteilt gerne Gabi Umbricht, gabi.umbricht@bluewin.ch oder 056 442 29 35.

Die Anmeldung über untenstehendes Formular ist verbindlich, der Einzahlungsschein wird in der Folge zugestellt. Mit Ihrer Einzahlung bis spätestens 30. September 2018 wird die Anmeldung definitiv. Die Platzzahl ist beschränkt. Es empfiehlt sich eine frühzeitige Anmeldung.

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Jenny Erpenbeck: Heimsuchung (2008)

Ein Haus an einem märkischen See ist der Schauplatz und das Zentrum, ja man könnte sagen die «Hauptfigur» dieses Romans. Zwölf Lebensläufe und Schicksale verlaufen durch dieses Gemäuer und hinterlassen darin ihre Spuren, von den Zwanzigerjahren bis heute. Die Bewohner erleben die Weimarer Republik, das Dritte Reich, den Krieg und dessen Ende, die DDR, Wende- und Nachwendezeit. Mit akribischer Recherche und üppiger Imagination sondiert die Autorin das Geschiebe der Historie an einem einzigen Ort. Von der Eiszeit her, als die märkische Seenlandschaft geformt wurde, bis zum Abriss des Hauses spannt sich der Bogen einer klugen Komposition. Präzise Figurenzeichnung und eine musikalische Sprache machen aus diesem Unternehmen einen bilderreichen Ortstermin in der deutschen Geschichte.

 

Eleonore Frey: Unterwegs nach Ochotsk (2014)

Ochotsk liegt am Eismeer. Kalt ist es dort und wahrscheinlich immer dunkel. Warum sollte irgendjemand dorthin wollen? Die Buchhändlerin Sophie, die am liebsten nur das Buch «Unterwegs nach Ochotsk» verkaufen würde, und der Schriftsteller Robert, der nur dieses eine Buch geschrieben hat, oder die etwas verwirrte und in Robert verliebte Frau, der Hausarzt, der als Schiffsarzt nach Ochotsk will, und Sophies Onkel und Chef – sie alle stehen etwas verloren in ihrem Alltag und wünschen sich ein anderes Leben. Ochotsk ist für sie weniger ein Punkt auf der Landkarte als Sehnsuchtsort, Spur oder Spurenelement eines möglichen Glücks, einer alternativen Existenz. Ochotsk ist zugleich realer Ort und Utopie, ein Punkt, zu dem man sich auf vielfältigen Fährten hinfabulieren kann.

 

Isabella Huser: Das Benefizium des Ettore Camelli (2008)

Dieser Roman erzählt die Geschichte des Ettore Camelli aus Versano, einem Ort im Trentino, der 1902 nach New York fahren soll, dann aber den Kolonialwarenladen des Dorfes übernimmt – und mit ihm die Geschichte des Dorfes und seiner Bewohner. Es ist die Geschichte seiner Ahnen und des örtlichen Benefiziums und die Legende um einen Fluch, der bis ins Jahr 1686 zurückführt. In jenes Jahr, als an einem Dezembertag «der Sohn einer ehrbaren Familie dem Bruder in den Rücken schoss.» In einer Jahrhunderte und Kontinente überspannenden Spurensuche rollt die Autorin in ihrem Debüt zweihundert Jahre Sozialgeschichte eines norditalienischen Dorfes auf, nicht nur als Vergegenwärtigung des Vergangenen sondern auch als Reflexion auf die unterschiedlichen Formen der Erinnerung und des Gedenkens.

 

Felicitas Hoppe: Hoppe (2012)

Der Romantitel täuscht: Hoppe versammelt Bilder aus einem Leben, das so nie statt­gefunden haben dürfte, eine Art «Traumbiografie». Hoppe erzählt von Hoppe in einer hockeyverrückten kanadischen Kindheit, von Jugendjahren am Rand der australischen Wüste, einer Flucht nach Amerika. Die Schnitzeljagd führt über Weltmeere und aus der Ferne wieder zurück in die deutsche Provinz. Sie handelt von verrückten Erfindungen, geplatzten Hochzeiten, halbierten Karrieren und vom Glück, ein Kind des Rattenfängers aus Hameln zu sein. Dabei wird eines deutlich: Die Spuren, die das Leben legt, überkreuzen sich mit den Linien des Erzählten wie Kondensstreifen am Dachhimmel des Bewusstseins. Gemeinsam bilden sie ein Muster, das den Menschen als Erfinder seiner selbst zeigt: Identität als Konstruktion.

 

Tom McCarthy: Achteinhalb Millionen (2006)

Ein Mann, zur falschen Zeit am falschen Ort: Etwas Schweres stürzt auf ihn herab, verletzt ihn schwer und raubt ihm die Mehrheit seiner Erinnerungen. Nun hat er zwei Probleme: Was macht man mit einer Abfindung von achteinhalb Millionen? Und wie soll man ein Leben führen, dem jede Selbstverständlichkeit abhandengekommen ist? Dann, über dem Anblick eines Risses in einer Wand, fühlt der Erzähler sich plötzlich in sein altes Leben zurückversetzt, in einen Alltag, eine Wohnung, Gerüche, Klänge. Nun setzt er alles daran, sich diese Eindrücke zurückzuholen: Er kauft ein Haus und lässt eine Unzahl von Darstellern aufmarschieren, die sein Erlebnis vertiefen sollen. Dabei stellt sich die Frage: Gibt es Authentizität? Oder ist das Leben ein Theaterstück, die Welt nur ein Bühnenbild?

 

Unser Lesezirkel-Leiter:

Michel Mettler war als Dramaturg und Initiant für das Theater tätig und als Musiker unterwegs, u. a. mit der Gruppe «Vier Maultrommeln», bis er 2006 seinen ersten Roman veröffentlichte, «Die Spange». Dafür wurde er mit dem Preis der Schweizerischen Schillerstiftung ausgezeichnet. Er hat für Radio DRS 2 gearbeitet, Veranstaltungen organisiert und moderiert, schreibt kürzere Texte für Zeitungen und Zeitschriften und ist als Lektor tätig. Im akademischen Jahr 2010/2011 war er Gastprofessor am Collegium Helveticum der ETH Zürich. Mettler lebt als freier Autor in Klingnau.

 

Vergangene Lesezirkel

2017/18: Töchter und Söhne Unter der Leitung des Schriftsteller Rudolf Bussmann diskutierten die Teilnehmenden vier neu erschienene Bü­cher, die eine Familie von innen schildern, sei es in der Perspektive einer Tochter (Fatma Aydemir) oder zweier Söhne (Reinhard Kaiser-Mühlecker), sei es aus dem Blickwinkel der Eltern, die sich mit ihren Kindern auseinandersetzen, gleichzeitig aber auf der Suche nach ihren eigenen Erzeu­gern sind (Annette Mingels, Julia Wolf). 

2016/17: 24 Stunden – Das Tagebuch Unter der Leitung des Schriftstellers Michel Mettler diskutierten die Teilnehmenden die Tagebuch aus dem London des 17. Jahrhunderts (Samuel Pepys),  Depeschen nach Mailland  (Jürg Laederach), Alles schmeckt nach Abschied  (Brigitte Reimann), Aus dem Berliner Journal  (Max Frisch) und Schreiben für die eigenen Augen  (Virginia Woolf). 

2015/16: Leiden und Leidenschaft. Unter der Leitung des Schriftstellers Rudolf Bussmann diskutierten die Teilnehmenden die Werke Malina (Ingeborg Bachmann), Bilder deiner grossen Liebe (Wolfgang Herrndorf), Aller Liebe Anfang (Judith Hermann), Wie wir älter werden (Ruth Schweikert) und Kastelau (Charles Lewinsky). 

2014/15: Patientinnen, Patienten. Unter der Leitung des Autoren Michel Mettler diskutierten die Teilnehmenden die Werke Wittgensteins Neffe (Thomas Bernhard), Die gelbe Tapete (Charlotte Perkins Gilman), Der Weg allen Fleisches (Hermann Kinder), Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus (Christine Lavant) und Retter der Welt (John Wray).

2013/14: Welch Zufall! Unter der Leitung des Schriftstellers Rudolf Bussmann diskutierten die Teilnehmenden die Werke Das Leuchten in der Ferne (Linus Reichlin), Gesellschaft mit beschränkter Haftung (Nora Bossong), Die Erdfresserin (Julya Rabinowich), Das war ich nicht (Kristof Magnusson) und Aller Tage Abend (Jenny Erpenbeck).

2012/13: Der wilde Osten. Unter der Leitung des Autoren Michel Mettler diskutierten die Teilnehmenden die Werke Niederungen (Herta Müller), Die verschluckte Musik (Christian Haller), Warum das Kind in der Polenta kocht (Aglaja Veteranyi), Apostoloff (Sibylle Lewitscharoff) und Tauben fliegen auf (Melinda Nadj Abonji).

2011/12: Max Frisch: Die Frage nach der Identität. Unter der Leitung des Autoren Christoph Bopp diskutierten die Teilnehmenden die Werke Stiller, Biografie. Ein Spiel, Mein Name sei Gantenbein, Montauk und Der Mensch erscheint im Holozän. Zusätzlich Malina von Ingeborg Bachmann.

2010/11: Das Exakte und das Andeutende. Unter der Leitung des Autoren Christoph Bopp diskutierten die Teilnehmenden die Werke Die Vermessung der Welt (Daniel Kehlmann),Die Frau, für die ich den Computer erfand (Friedrich Ch. Delius), Doktor Faustus (Thomas Mann), Der Mann ohne Licht (Martin R. Dean) und Dirac (Dietmar Dath).